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Hilfe als Angebot

An einem Sonntag Nachmittag begab ich mich nach einem Termin in der Wiesbadener Stadt zu meinem Auto. Auf dem Weg dorthin lief ein sichtlich betrunkener Mann vor mir her. Er führte einen mittelgroßen jungen ausgewachsenen schwarz-weißen Mischlingshund mit sich. Die Leine bestand aus einer ledernen Handschlaufe verbunden mit einer Eisenkette, die am anderen Ende an ein breites ledernes Halsband mündete.

Sobald der Hund kurz schnüffeln wollte, schlug ihn der Mann mit der Leine. Ich war unschlüssig, ob und wenn ja, was ich tun sollte. Beim Überholen blickte ich dem Mann in die Augen. Sie waren trübe und dunkel. Das Gesicht wirkte leblos. Ich befand zunächst für mich, dass ein Einschreiten nicht ausreichend kalkulierbare Folgen habe. Aber was konnte man für den Hund tun?

Die Situation eskalierte. Die Schläge wurden ergänzt durch unsanftes Zerren oder versuchten Fußtritten. Der Hund wusste nicht mehr, ob er mitlaufen oder sich ducken sollte. Gleichzeitig versuchte er den Schlägen und Tritten auszuweichen. Immer wieder, wenn der kleine Vierbeiner getroffen wurde, jaulte er laut auf. Bei jedem Aufjaulen blieb ich stehen, drehte mich zu dem Mann um und schaute ihm in die Augen. Ein kläglicher Versuch, ihm mitzuteilen „hey, da kriegt jemand mit, was Du tust.“ Was konnte dem Hund gut tun? Ich dachte nur „der Hund muss von der Leine frei sein, der Hund muss von der Leine frei sein …“

Unser Abstand hatte sich vergrößert und bald überquerte ich die Straße, weil auf der anderen Seite mein Auto stand. Ich zögerte, wollte nicht einsteigen. Als der Mann wieder auf meiner Höhe angelangt war, versuchte er erneut nach dem Hund zu treten, während er ihn gleichzeitig mit der Leine hochzog. Er trat knapp daneben und traf dafür eine Hauswand. Mit einer Wucht, die dem Hundebesitzer deutliche und lange Schmerzen verursachte.

Im nächsten Augenblick, als ich wieder rüber schaute, stand der Hund da, ohne Leine, ohne Halsband. Wo war der Hundebesitzer? Er war 50 Meter weiter gegangen. Schnell überquerte ich wieder die Straße, bereit den Hund mitzunehmen. Bei mir würde er es doch definitiv besser haben. Einen Meter vor mir stand der Hund. Er stand seinem Herrchen zugewandt da. Aufrecht und mit gespitzten Ohren blickte er ihm nach. Ich versuchte ihn mit Stimme und Händen zu locken. Er schaute zweimal mit liebem, aber kurzem Interesse zu mir und war dann wieder voll auf sein Herrchen focussiert. Es kam mir vor, als könne er nicht glauben, dass sein Besitzer ihn jetzt verließe. Alles andere schien ihm uninteressant. Dann endlich rief sein Herrchen nach ihm. Der Hund blieb erwartungsvoll stehen, weiterhin mit voller Aufmerksamkeit für den Mann. Ich versuchte den Hund noch einmal, jedoch ohne ein Anzeichen von Gehör, zu locken. Noch einmal rief ihn seine Bezugsperson und er raste zu ihm hin, als sei er erleichtert und freudig zugleich.

Ich bewegte mich langsam wieder zurück zum Auto. Zeitgleich beobachtete ich, wie Hund und Herrchen die Straße an der Ampel überquerten. Da folgte der kleine Schwarzweiße mit steter Aufmerksamkeit seinem Zweibeiner, blieb kurz mit schön vorgewölbter Brust sitzen, um ihm dann weiter hinterher zu springen. Danach verlor ich sie aus den Augen, aber nicht aus meinen Gedanken.

Der Hund hatte die Wahl. Das, was aus meiner Sicht für ihn besser schien, entsprach nicht seinem Vorzug. Inwiefern hätte ich den Hund “retten” sollen oder dürfen? Wäre das überhaupt sein Glück gewesen? Ist es nicht anmaßend, sich über seinen Willen hinweg zu setzen? Jetzt könnte man argumentieren, dass der Hund nichts anderes kennt, als die womöglich quälende Konsequenz, wenn er gegenüber seinem Herrchen nicht parrierte. Er hat nicht das menschliche Denkvermögen, sich vorzustellen, wie ein alternatives Leben wäre. Mir kam ein Film in den Sinn, in dem ein gutherziger Mann einen Hund bei sich aufnahm, der zuvor von seinem stets alkoholisierten Vorbesitzer geschlagen wurde. Dem Hund ging es in seinem neuen Leben sehr gut und es wurde eine herzige Beziehung zwischen Mensch und Hund. Und dennoch … eines Tages begegnete der Hund wieder seinem früheren Herrchen und er ließ alles hinter sich stehen, nur um diesem zu folgen. Für mich zunächst unfassbar. Hier kannte der Hund zwei Varianten, dennoch entschied sich der Hund für seinen Erstbesitzer.

Inwiefern dürfen wir helfen, wenn unsere Hilfe nicht erwünscht ist? Wie kann unsere Hilfe wirken, wenn sie nicht erbeten oder zugelassen wird? Inwiefern sind wir sogar anmaßend, wenn wir jemandem unsere Hilfe überstülpen und meinen, es für denjenigen besser zu wissen? Wo bleibt dabei unser Respekt, unsere Achtung und Wertschätzung für denjenigen und seine Wahl? Inwiefern sollten wir es bei dem Angebot der Hilfe belassen und abwarten, ob es angenommen wird?