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Ursache – Wirkung versus Bewertung

Als meine Kinder noch klein waren, habe ich an einem von Polizisten und Psychologen geleiteten Präventionskurs teilgenommen. Kernaussage war: Das Kind kann sich am besten schützen und geschützt werden, wenn es ein Gespür für sein Bauchgefühl entwickelt. Es lernt ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, ob ihm etwas gut tut oder nicht. Es lernt, dass sein Bauchgefühl ihm ein guter Kompass ist. So kann es lernen rechtzeitig Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Dazu gehört unbedingt, dass wir die Wertungen in der Kommunikation mit unseren Kindern raus lassen und ihnen Raum für die Artikulation ihrer Gefühle geben. Ab da wurde mir erst bewusst, was Wertung bedeutet und wie sehr unsere Sprache doch von Wertungen geprägt ist.

Was geschieht, wenn wir von Wertungen geprägt werden? Wir sind mit unserem Bewusstsein im Außen und vergessen uns selbst. Wir orientieren unser Handeln am Außen. Was denkt der andere von mir? Wie agiere ich am besten, damit ich im Außen auf positive Resonanz stoße, dazu gehöre oder gar erfolgreich bin? So erziehen wir uns Opfer und Lemminge heran. Ein hervorragender Nährboden für Machthaber jedweder Art. Befürworter findet heute der, der laut und mutig mit der Faust auf den Tisch haut und damit vermeintlich zeigt, dass er das Zeug zum Anführer hat. Ob die Inhalte stimmig und sinnvoll sind, scheint weniger relevant zu werden. Schauen wir doch nur auf die Politik Richtung USA, Brasilien und auch bei uns. Warum ist das so? Weil der Großteil der im Außen orientierten Menschen sich fragt, wem sie am liebsten folgen. Sie haben vergessen oder es ist unbequem geworden wirklich selbst über Inhalte nachzudenken und der eigenen Stimme Raum zu geben.

Aber das ist Demokratie: Freie Meinungsäußerung. Dazu muss man jedoch erst mal lernen, was eigene Meinung ist und wie man sie artikuliert!

Was ist also die Alternative zur Wertung? Das Vermitteln von Ursache und Wirkung. Wenn ich mir Menschen in ihrem Netzwerk (ihrem System) anschaue, sei es der Mensch im privaten Umfeld, im Unternehmen, in der Behörde, in der Politik, in der Religion oder in seinem historischen Ursprung, sehe ich letztendlich die Quelle seiner Beweggründe immer wieder in dem Wunsch gesehen zu werden. So simpel es erst klingen mag: Wirklich gesehen werden, bedeutet Achtung und Respekt, der einem gebührt, zu erhalten. So können wir schon in der Erziehung immens viel tun. So sollten wir weg von Bewertung gehen und hin zur Sensibilisierung von Ursache und Wirkung. Es reicht, wenn wir unseren Kindern zeigen, dass wir sie sehen und annehmen! Wir können ihnen mitteilen, was wir sehen, Fakten aussprechen. Wenn es zum Beispiel wütend ist, kann man sagen: “Ich sehe, dass Du wütend bist.” Man kann das Kind bitten, die Wut näher zu erklären und mitteilen, was man versteht, aus welchem Grund das Kind wütend ist. Dann kann man ggf. erklären, wie die Umstände sind, was warum nicht geht und was geht. Es ist auch ein Leichtes ein Kind aufzufordern darüber nachzudenken, wie es sich selbst in der Rolle des anderen fühlen würde und für welche Handlung es sich jetzt entscheiden würde. Alleine aus solch einer Kommunikation kann sich ein Kind seiner eigenen Mechanismen bewusst werden und erkennen, was seine Handlung bewirkt. Gleiches geht mit Trauer, Resignation, Frust, Freude, Erfolg und anderen Gefühlen. Es lernt sich selbst aner-kennen und wird sich seiner selbst bewusst. Es bleibt mit seiner Wahrnehmung im Innen und erfährt dabei die Wechselwirkung mit seinem Außen. Mit Ihrer Unterstützung wird ein Kind Alternativen finden, die im besseren Gesamtkontext und auch -konsens stehen. Kinder sind wissbegierig und außerordentlich kreativ, wenn man sie lässt! Zeigen wir ihnen Respekt, können sie hervorragend auch Respekt für andere entwickeln. Das Wunderbare daran ist: Sie entwickeln ihre Fähigkeit selbstständig zu denken! Sie sind mit Ihrer Wahrnehmung im Innen und können sich selbst reflektieren. Sie lernen gesundes und flexibles Sozialverhalten. Keiner und nichts im Außen funktioniert nach Schema F.. Mit dem Gespür für Ursache und Wirkung verbunden mit dem eigenen Bauchgefühl lernen Kinder selbstständig und flexibel auf unvorhergesehene Probleme zu reagieren oder diesen vorzubeugen. Sie entwickeln zudem dabei ein schlichtweg gesundes Selbstbewusstsein und Kreativität.

Diese Menschen sind es, die unserer Demokratie eine solide Basis geben und die mit ihrer Fähigkeit zum Neu- und Andersdenken auch unserer Wirtschaft und unserem Sozialleben eine positiven Impuls geben können.